Argentinier und Chilenen

Die Grenze zwischen Chile und Argentinien verläuft über eine Länge von mehr als 5000 Kilometer. Chilenen und Argentinier sprechen zudem die gleiche Sprache: spanisch. Dennoch sind sie keine Freunde.

Warum mögen sich sich die beiden Länder Argentinien und Chile nicht besonders?

Argentiner und Chile - da findet man Parallelen: Österreicher und Bayern, Bayern und Ostfriesland. Beide, Chilenen und Argentiner, kennen eine Menge Vorurteile über die jeweils anderen.

Vielleicht liegt die Ursache dieser Nicht-Freundschaft in den drei Felseninseln Picton, Lennox und Nueva im Südösten Feuerlands. Diese drei Inseln wären einmal fast der Auslöser für einen Krieg zwischen Argentinien und Chile gewesen, vor 30 Jahren, 1978. Sowohl Argentinien als auch Chile beanspruchten diese winzigen Inseln für sich. Es war Papst Johannes Paul II, der den Konflikt sieben Jahre später beilegen konnte. "Mi mejor enemigo" - "Mein bester Fein" - das ist der Titel eines Films des chilenischen Regisseurs Alex Bowen. Er hat einen Spielfilm in ironischer Art über die Auseinandersetzung gedreht, die beinahe in einem Krieg geendet wäre.

Auch heute noch streiten sich Chilenen und Argentinier über Land. Allerdings über Regionen, die in der Antarktis liegen. Jede der beiden Nationen beansprucht ein großes Stück der Südpolarregion für sich. Zum Glück gibt es heute den Antarktis-Vertrag.

Mehr Humor wäre für Chile und Argentinien von Nöten

Heute arbeiten die Argentinier und die Chilenen ihre gegenseitige Abneigung in mehr oder minder humorvoller Art und Weise auf. Sie reißen Witze über die andere Seite, so wie wir es über die Ostfriesen tun. Also: "Warum rennen die Argentinier aus dem Haus, wenn es blitzt?" - "Weil sie denken, sie werden fotografiert." Oder auch: "Wie verübt ein Argentinier Selbstmord?" - "Er klettert auf sein Ego und springt herunter." Umgekehrt: "Warum fliegen die Kondore nur mit einem Flügel über Chile?" "Sie halten sich mit dem anderen Flügel die Augen zu."

Und wie sind sie sonst noch, die Argentinier und Chilen? Was denken die Argentinier über die Chilenen, was die Chilenen über die Argentinier?

Chilenen sind eher introvertiert, Argentinier extrovertiert. Chilen sprechen ungern über Politik und das anderer Geschlecht. Die Argentinier sind anders, man kann die männlichen sicher als Urväter des Machotums bezeichnen. Argentinier sind laut, egal, ob im Restaurant mit dem Mundwerk oder auf der Straße mit dem Automotor - so d

In Argentinien läuft alles spät ab, vor 11 Uhr Abends geht man nicht aus, also zu einer Zeit, zu der die artigen chilenischen Nachbarn schon längst im Bett schlafen. Und morgens kommen die Argentinier nicht aus den Federn, während die Chilenen schon fleißig am Arbeitsplatz stehen.

Und was steht in den Geschichtsbüchern?

Die argentinischen Kinder lernen: Augusto Pinochet half während des Falkland-Krieges heimlich den Engländern. Und über noch frühere Zeiten: die Chilenen haben im vorletzten Jahrhundert argentinische Rinder von Viehdieben gekauft.

Umgekehrt: chilenische Schulbücher schreiben nichts darüber, dass der argentinische GeneralJosé de San Martin die Chile von der spanischen Kolonialherrschaft befreit hat. Die kleinen Chilenen lernen, dass der aus Irland stammende Bernardo O'Higgins der Befreier ihres Landes war, obwohl er lediglich ein Untergebener San Martins war.

Und diese kleinen Sticheleien setzten sich fort.

So erzählen die Chilenen über Evita Peron, die Geliebte und spätere Ehefrau des argentinischen Ex-Präsidenten Juan Domingo Peron: Dieser Engel der Armen verübte Wohltaten und verteilte Geld unter die Armen - Geld, das ihr nicht gehörte. Hier sehen viele den Anfang vom Ende des argentinischen Wohlstandes. Argentinien und die Argentinier lebten über ihre Verhältnisse. Inflation und Staatsbankrott liegen erst ein paar Jahre zurück. Für die Argentinier heißt Geld auf "argentinisch" efectivo - reales, wirkliches Geld: erst wenn man es in der Hand hat, ist es etwas wert.

Was lernen die Chilenen daraus? Sie sparen! Betrachtet man Südamerika, so hat Chile den höchsten Anteil an Sparern zu verzeichnen. Die Sparquote beträgt 23 Prozent. Dafür ist Chile schuldenfrei! Wer die jüngste argentinische Geschichte dieses Jahrhunderts kennt, der weiß, dass das für Argentinien nicht zutrifft. Aber die Argentinier lassen sich auch durch ihre Schulden nichts von ihrem Stolz nehmen: sie schufen kurzerhand ein "Museum der Auslandsschulden". Wenn man in Buenos Aires ist, kann man es besuchen.

Chilenen - sie sind so kalt wie der Humboldt-Strom vor der Westküste Chiles - so spotten die Argentinier. Sie werden gern mit den Briten verglichen: sie leben auf einer Insel, die umgeben ist von dem Pazifik im Westen, von den Anden im Osten, dem patagonischen Inlandeis im Süden und der Wüste im Norden. Was im restlichen Südamerika geschieht - um mit den Briten zu sprechen: auf dem Kontinent - das tangiert die Chilenen wenig. Chile hat sich auch etwas von der britischen Kultur bewahrt: den Fünf Uhr Tee, dort genannt "la once".

Was gibt es sonst noch in Chile, über das die Argentinier müde lächeln? Ach ja, die Stehcafés in Santiago de Chile, die café con pierna - Kaffee mit Bein - servieren. Eigentlich sind es aber die Kellnerinnen, die in knappen Miniröckchen sehr viel Bein beim Servieren zeigen. Na, ja, passt eigentlich nicht zu den Chilenen, die als sehr zugeknöpft gelten.

Heute ist Chile auf dem Weg zur Vorzeigenation Südamerikas: die Wirtschaft wächst, den Menschen geht es gut, die Armut geht zurück. Wie Chile das erreicht hat: mit Arbeit, mit Nüchternheit, mit Sicherheit. Die Argentinier haben dies in diesem Umfang noch nicht erreicht. Vielleicht mögen die Argentinier deshalb die Chilenen nicht.

Die Chilenen aber möchten genauso leger sein, wie ihre argentinischen Nachbarn, sind aber noch weit davon entfernt. Vielleicht mögen die Chilenen die Argentinier deshalb nicht.

Fazit: Es wird noch einige Zeit brauchen, ehe Argentinier und Chilenen Freunde werden.